Waschkessel in der Küche

Wachgeküßt

Die Hofstelle zum "Veit" in Ochsenhart (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) stand zwar nur wenige Jahre leer. Doch schon lange zuvor war in einigen der Räume des Jurahauses die Zeit stehengeblieben. Ein Baudenkmal im Dornröschenschlaf. Als jetzt ein junges Ehepaar das Anwesen kaufte, entdeckte der Lehrer und Fotograf Johann Kraus vor der Renovierung Impressionen wie aus einer vergangenen Welt. Er hielt in Bildern fest, was es so heute kaum mehr gibt: eindrucksvolle Motive aus einem zwar harten, aber auch erfüllten Leben. Sämtliche Baustoffe stammen übrigens aus der nächsten Umgebung. Die Mauern beispielsweise sind aus Steinen errichtet, die nur einen Kilometer entfernt gebrochen worden waren. Unbewußt steckt darin eine Philosophie, die wir erst wieder lernen müssen.

Er hört kaum noch, verlässt nur noch selten das Bett und ist auf die Pflege von Verwandten angewiesen. Dabei hat Fritz Käfferlein sein Leben lang allein auf eigenen Beinen gestanden. Mit seiner Schwester Mina bewirtschaftete und bewohnte der Junggeselle das elterliche Anwesen in Ochsenhart; bis es nicht mehr ging, bis ihm die Kräfte fehlten, die nötig gewesen wären, ein derart stattliches Anwesen zu erhalten. Herunterkommen hat er nie etwas lassen, hat immer nach dem Rechten geschaut, der reichste Bauer am Ort, dem sie zum Hausnamen "Veit" noch den Zusatz "Göd" (Geld) verpaßt hatten, "Göd-Veit".

Sparsam und bescheiden hat er gelebt, autark fast, hat sich kaum Überflüssiges gegönnt, vieles fürs tägliche Arbeiten selbst hergestellt: Schnüre aus Hanf zum Garbenbinden genauso wie hölzerne Rechen. Dabei hatte er aber auch einen Hang zur Technik, zu Maschinen, versuchte sich mit ihnen wo es ging, die Arbeit zu erleichtern. Immer hatte Fritz Käfferlein die neuesten Geräte, den ersten Mähdrescher, die erste serienmäßige Wellblech-Garage für ein Auto...

Maschine zum Verdeckeln von DosenDoch irgendwann ist auf dem "Veithof" die Zeit stehengeblieben, irgendwann wurde nichts mehr angeschafft. Das stattliche Anwesen nahe Pappenheim fiel in einen Dornröschenschlaf. Außen holte sich die Natur zurück, was ihr der Mensch mühsam abgerungen hatte, durch Anflug wuchsen junge Bäume bis an die Haustüre, deckten das Wohnhaus mit ihrem üppigen Grün zu.

Als Barbara und Andreas Böhm 1996 das Anwesen erwarben, glaubten sie, ein Museum zu betreten. 'Nichts war seit Jahren verändert worden, die Dinge hatten ihren Platz, den ihnen die früheren Besitzer zuerkannt hatten. Vieles war vorhanden, für das heute kein Mensch mehr eine Verwendung hat, wie beispielsweise für die zu tausenden aufbewahrten groben Schnüre, mit denen einst die Garben gebunden wurden.

Einige der Zimmer sahen aus, als hätte hier jemand schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg das Pendel angehalten, andere Räume verbreiteten den spröden Charme der fünfziger Jahre - überall Motive, wie sie Andreas Böhms berühmter Urgroßvater Heinrich Ullmann, der Architekt, Denkmalpfleger, Maler und Fotograf, der erste Erforscher der Jurahäuser, der von 1872 bis 1953 lebte, noch zuhauf angetroffen hat.

Es mag dem "Veit-Bauern" schwer gefallen sein, anfangs der neunziger Jahre seinen Hof zu verlassen, sich der Obhut von Verwandten anzuvertrauen. Und es mag ihm auch schwer angekommen sein, den um 1885 neu errichteten Hof letztendlich zu verkaufen, an dem er hing, der ihm Heimat war, der ihm Geborgenheit geboten hatte. Wer schon trennt sich gerne von dem, das ihm ans Herzen gewachsen ist?

Obwohl es den Bauherren des ?Veithofes" im vergangenen Jahrhundert nicht an Geld gemangelt haben dürfte, verzichteten sie auf fremde Materialien, nahmen zum Bauen nur das, was quasi vor der Haustüre lag: Steine für die Außen- und Innenmauern aus einem nur einen Kilometer entfernten Bruch, Steine von so geringer Stärke, wie sie beispielsweise drüben im eichstättischen kaum einer verwendet hätte.
Die Schöne Stube
Wegen dieses bewußten Verzichtsauf ortsfremde Materialien steckt in diesen Häusern, philosophiert der Eichstätter Mediziner und Denkmalschützer Ludwig Bauer, unbewußt die Weisheit, die wir Heutigen erst wieder lernen müssen. Dabei ist doch diese Weisheit so simpel, so überzeugend, daß sie keines großen Nachdenkens bedürfte, um sie aufzugreifen und zu übernehmen.

Tagelang hat der Eichstätter Gymnasiallehrer und Fotograf Johann Kraus im Sommer 1996 mit einer großformatigen Kamera auf dem ?Veithof" Impressionen eingefangen, eine vergangene Welt konserviert, wenigstens auf Papier. Auch der neue Besitzer hat zu konservieren versucht, was an Wissen um das Haus noch da ist. Aber die Verständigung mit dem ?Veit-Bauern", klagt Andreas Böhm, ist schwierig und derzeit habe er, bedingt durch die Renovierung, kaum Zeit dafür. Das ist schade. Denn Fritz Käfferlein hätte sicher vieles zu erzählen und vieles davon wäre es wert, aufgeschrieben zu werden – über sein und das Leben anderer in einem mittelalterlichen Rodungsdorf aus dem 13. Jahrhundert, einem seit langem protestantischen Dorf an der Nahtstelle zum Hochstift Eichstätt, dem Leben in einer Grenz-Region. Wenn wir diese Generation nicht ausfragen, die noch die Zeit vor der Motorisierung und dem Abbruch-Wahn erlebt hat, wenn wir nicht festhalten, was damals war, wird vieles an Erfahrungen und Wissen verlorengehen, verlorengehen für immer.

Wie haben er und seine Schwester in dem Haus gelebt, die oft kalten Winter überstanden, die bewohnten Zimmer warm bekommen? Noch heute merkt man dem Hof an, daß hier für den laufenden Unterhalt gesorgt wurde, daß regelmäßige Ausbesserungen stattfanden, daß nie der Zustand des Hauses wie bei vielen anderen so weit abkippte, daß man zu meinen glaubte, hier könne nur noch der Abbruch helfen. Fritz Käfferlein befand sich nie in dieser Situation, wo er das Alte weggekarrt, auf den Bauschutt gekippt hätte.

Er fühlte sich mit dem Haus verbunden, das Haus lebte mit ihm und er mit dem Haus. Welche Gefühle mag der heute über Achtzigjährige gehabt haben, als er zum letztenmal die solide hölzerne originale Haustüre hinter sich schloß, wohl wissend, daß er nie mehr zurückkehren würde?

Jedes Haus hat seine eigene Geschichte, aber auch seine Geschichten. Mit jedem Abbruch sind diese Geschichten abgeschnitten worden - unwiderbringlich. Der ?Veitshof" ist ein Beispiel auch für das erste Sparen beim Bauen. Das sieht man am verhältnismäßig schwach dimensionierten Dachstuhl, dem nicht mehr so mächtigen Stuhlgerüst und den im Vergleich zu älteren Häusern dünneren Rofen, die das Steindach tragen mußten. Vielleicht, so der Hausforscher Wolfgang Kirchner, hatte man gemerkt, daß eine 200prozentige Sicherheit nicht notwendig ist. Aber dennoch ist das Haus von einer ungleich höheren Qualität als die meisten Neubauten.

AUTOR: PETER LEUSCHNER
FOTOS: JOHANN KRAUS
Aus "Das Jurahaus" , Ausgabe 3, 19997/98, S. 30
(mit freundlicher Erlaubnis des Jurahausvereins e.V.)