Die Stube im Erdgeschoß

"Jetzt kann ich beruhigt sterben ..."

Die Trennung von seinem Jura-Anwesen war Fritz Käfferlein (88) sehr schwer gefallen - obwohl er längst bei Verwandten in Pflege wohnt. Zu stark waren seine Wurzeln, die im ererbten Veithof bei Pappenheim stecken. Nach dem schwierigen Abschied kehrte der 88jährige nochmal auf seinen einstigen Besitz zurück. Zufrieden stellte er fest, daß die neuen Eigentümer Andreas und Barbara Böhm das historische Jurahaus behutsamst aus seinem langen Dornröschenschlaf wachgeküßt haben - in nur einjähriger Renovierungsarbeit. Trotz aller Neuerungen ist der Veithof der alte geblieben.

Es war ein milder Vorfrühlingstag. Mühsam quälte er sich aus dem Auto, das ihn noch einmal dorthin gebracht hatte, wo er früher zuhause war. Jeder Schritt strengte den mittlerweile 88jährigen an, mehrmals blieb er stehen, um sich aufzustützen. Ohne ein Wort zu sagen, ging Fritz Käfferlein an dem Haus vorbei, das ihm gehörte, wollte zunächst den Garten dahinter sehen, die Schneeglöckchen, die gerade noch blühten. Erst danach betrat er durch die zweiflügelige Türe auf der Ostseite den Tenner, sah rechts hinein, wo einst die Gerätschaften standen, die ihm halfen, nahezu autark zu sein, wie beispielsweise die schwere Maschine zum Verdeckeln von Dosen, und wo jetzt die Garderobe ist. Nur kurz ließ er sich in der Wohnstube gegenüber nieder, die der nur neu ausschamottierte gußeiserne Plattenofen von 1814 mit dem Kachelaufsatz dominiert, der von der Küche aus beheizt wird. Die einfache, hölzerne Eckbank war auch noch da und der gewachste fichtene Dielenboden mit dem an einer Stelle stark abgewetzten Brett - genau dort, wo der Junggeselle Fritz Käfferlein seinen Lieblingsplatz hatte, vor allem an den langen, kalten Winterabenden.

Ohne viel zu sagen zeigte er sein Erstaunen darüber, daß das Haus ohne sichtbar große Veränderungen viel wohnlicher geworden war. Am stärksten interessierte ihn, der zuletzt nur noch diese Wohnstube benutzt und dort auch sein Bett aufgestellt hatte, die neue Heizung.

Die ebenso behutsam renovierten Räume im Obergeschoß wollte er nicht mehr anschauen, das Treppensteigen war ihm zu beschwerlich. Viel geredet hatte Fritz Käfferlein nicht bei seinem Besuch im März 1998 auf seinem einstigen Hof in Ochsenart bei Bieswang (Stadt Pappenheim), im westlichsten Zipfel des Kreises Weißenburg-Gunzenhausen. Doch einige Wochen später meinte der wortkarge Einzelgänger zum neuen Besitzer: "Nun kann ich beruhigt sterben, denn mein Elternhaus ist in guten Händen..."

Flur und Treppe zum 1. StockDiesen einen Satz des in Pflege bei Verwandten lebenden früheren Veit-Bauern an den neuen Eigentümer Andreas Böhm hätte man gerne öfter gehört im Altmühljura. Man hätte sie gerne öfter verspürt, diese Verbundenheit mit dem baulichen Erbe.

Aufgrund der nachbarschaftlichen Kontakte zu Ullmann-Enkel Robert Böhm und seiner Frau Erika hatten wir mitbekommen, wie deren ältester Sohn Andreas und seine Frau Barbara etwas Altes suchten, schließlich auf den Veithof stießen und wie sich der Kauf ihres Wunsch-Objektes hinzog.

Mehrmals hatte Andreas Böhm den damals schon in Pflege lebenden Fritz Käfferlein besucht, der den Hof einer Nichte übertragen hatte. Wie schwer muß ihm die Entscheidung gefallen sein, ihr zu erlauben, den Veithof zu veräußern, neue Eigentümer zu suchen. Wie oft mag der alte Mann vor diesem Schritt zurückgeschreckt sein, wie sehr mag ihn der Gedanke daran, daß fremde Menschen in seinem Hof aus- und eingehen, belastet haben. Mir war klar, warum Fritz Käfferlein die Trennung so schwer gefallen sein muß, ging es doch um ein Abschiednehmen. Hier kamen die Kräfte zum wirken, die einen Menschen an sein Eigentum ketten, die Wurzeln, die ihn mit seinem Besitz und der vertrauten Umgebung verbinden. Was mag in ihm vorgegangen sein, an dem Tag, da der Veithof in andere Hände kam. Er muß aber auch gespürt haben, daß das Anwesen bei dem jungen Ehepaar Böhm gut aufgehoben war, daß mit ihm neues Leben die alten Mauern erfüllen würde.

Wenige Wochen nach dem Kauf durch Andreas und Barbara Böhm im Mai 1996 ging ich erstmals durch die Räume des Veithofes, fasziniert davon, wie hier irgendwann einmal die Zeit stehengeblieben war. In manchen Zimmern konnte man sich nicht vorstellen, daß dort noch bis vor kurzem jemand gelebt haben sollte. Staunend stand ich vor dieser konservierten Vergangen-
heit.

Mir war klar, daß dieser Zustand, so wichtig er mir als Dokument für bäuerliches Leben in der Frühzeit des 20. Jahrhunderts schien, nicht auf Dauer zu halten war. Mir war bewußt, daß diese tausend Dinge, die Fritz Käfferlein aufbewahrt und gesammelt hatte, längst überflüssig geworden waren und einer Renovierung im Wege standen. Ich hatte Angst vor diesem Verlust und war nun überrascht, wie verzichtbar für die Räume das meiste war. Auch wenn einiges nicht mehr seinen angestammten Platz hat, haben Andreas und Barbara Böhm doch nichts weggeworfen, sondern alles aufgehoben. Allein mit den Geräten der Vorbesitzer könnten sie ein kleines Museum eröffnen. So ist trotz aller Modernisierung der Veithof der alte geblieben.

Praktisch ist der neue Windfang gleich hinter der originalen Eingangstür, bei der lediglich die abgewitterten Wetterschenkel ergänzt wurden, sorgfältig und zurückhaltend die Möblierung, zeitlos die gekalkten Wände, einfach schön der breite, weiße Gang im ersten Obergeschoß, kontrastierend dazu der lasierende grünliche Anstrich der alten Türen nach Befunden, großzügig und hell der einstige Kuhstall, der verglaste Öffnungen nach Norden hin erhielt, der massivste Eingriff zwar, den das Gesamtbild aber verträgt, der keineswegs störend wirkt.

Ansonsten haben Andreas und Barbara Böhm die überlieferte Raumaufteilung voll akzeptiert, haben Platz gefunden für zwei Kinderzimmer, in denen sich Rebecca (10) und Patrick (4)
wohlfühlen, haben sich ein großes, weißes Bad gegönnt und überall die alten Türen mit ihren meist einfachen Schlössern belassen.

Was mich aber am meisten überraschte: Die beispielhafte Renovierung, die in vielen Bereichen eher nur eine Konservierung war, gelang in der Rekordzeit von nur einem Jahr. Als ich kurz nach dem Kauf hörte, daß Andreas und Barbara Böhm schon in zwölf Monaten einziehen wollten, habe ich mir nur meinen Teil gedacht. Aber der Hausherr, ein Maschinenbau-Ingenieur und im Eichstätter Zweigwerk eines Weltkonzerns zuständig für Arbeitsabläufe, sowie seine Frau, die eigentlich Medizinisch-technische Assistentin ist, haben mit konsequenter Planung das mir unmöglich erschienene geschafft.

Wenn man trotzdem etwas bedauern will, dann höchstens daß der Veithof schon früher sein Kalkplattendach verloren hat und dies nicht korrigert werden konnte. Jetzt erhielt er einen Ersatz-Stein aus Beton, der einem Juradach ähnlich sieht - zumindest was die Farbe und Struktur angeht. Auch wenn es sich hier um nichts Irreparables handelt, sollten wir künftig verstärkt darauf achten, was Professor Johannes Geisenhof kürzlich bei der Eröffnung der Ausstellung "Ein Abschied für immer?" in der ehemaligen Kirche Notre Dame in Eichstätt gesagt hat: "Bei Renovierungen sollte wieder echter Legschiefer für die Dächer verwendet werden und nicht ähnlich aussehendes Ersatzmaterial, das von der Industrie angeboten wird. Das Typische der Jurahäuser ist ja gerade das Steindach aus dem heimischen Material."

Den Veithof und seine Renovierung hat Andreas Böhm selbst so beschrieben: "Der Veithof gleich neben der alten Dorflinde prägt das Ortsbild von Ochsenhart, einer im Mittelalter angelegten Siedlung, die ihren ursprünglichen Charakter bis heute erhalten hat. Das abgelegene Dorf an der Grenze Mittelfranken zu Oberbayern hat besonders unter dem Strukturwandel in der Landwirtschaft gelitten, die Einwohnerzahl war fast auf die Hälfte von vor zwanzig Jahren zurückgegangen.

In jüngster Zeit haben wieder einige junge Familien die Lebensqualität des ländlichen Raumes entdeckt und so scheint die Zukunft des Dorfes gesichert.

Das Haus bildet zusammen mit der 1914 erbauten Scheune, den ehemaligen Stallungen, dem Bauerngarten, dem Obstgarten und der angrenzenden Wiese ein intakets Ensemble.

Das denkmalgeschützte Jurahaus wurde 1885 erbaut. Es handelt sich um ein Wohnstallhaus mit einem für die Gegend typischen Grundriß: Traufseitige Erschließung, mittig ein breiter Gang mit Treppe zum Wohnteil im ersten Obergeschoß, links zur Straße hin die Stube, die Küche und eine Austragskammer, rechts das Schlafzimmer der Bauersleut, die Treppen in den Keller, eine zweite Treppe hinauf zum Halmboden, dann der Gang zum Stall und ein Lagerraum. Auf der Nordseite der Stall. Im ersten Stock der gleiche Grundriß, über der Stube die "Schöne Stube"; die anderen Räume waren Kammern oder Lagerräume.

Die einzigen Veränderungen, die das Haus seit seiner Errichtung erfuhr, waren Schablonenmalereien um die Jahrhundertwende, ein Wasserhahn in der Küche, die Elektrifizierung in den zwanziger Jahren, der Umbau der Küche vom offenen deutschen Kamin auf einen russischen Anfang der sechziger Jahre und das Abräumen des Kalkplattendachs Ende der sechziger Jahre. Ansonsten führte es einen Dornröschenschlaf.

Dadurch blieb die Originalausstattung komplett erhalten. Ziel der 1997 gestarteten Sanierung war, die Substanz zu sichern und behutsam zu ergänzen. Bei der Planung und Durch-
führung der Elektro- und Sanitär-Installation wurde auf geringste bauliche Veränderungen geachtet. Besonders wichtig war uns die Ablesbarkeit der früheren Raumnutzung.

Das schadhafte Mauerwerk wurde mit Kalksteinmaterial repariert, der lose Außenputz entfernt und ein neuer Kalkmörtel aufgetragen. Die farbliche Gliederung der Fassade entspricht wieder dem Erbauungszustand. Die Schäden am Dachstuhl wurden mit alten Balken behoben. Die Eichenfenster der Süd- und Ostseite wurden restauriert und zur besseren Wärmedämmung ein zusätzliches neues Innenfenster davorgesetzt - so daß eine Art Kastenfenster entstand.

Die Bretter der Dielenböden im Erdgeschoß wurden numeriert, gereinigt und wieder eingebaut. Darunter wurde isoliert und gedämmt (ohne Beton). Der Boden aus Solnhofener Platten im Gang wurde herausgenommen, numeriert und wieder verlegt, die Platten in der Küche wurden ergänzt.

Erhalten blieben auch alle alten Kalkputze an den Innenwänden und die Schablonenmalerei in der "Schönen Stube". Sie wurde restauriert und bildet in ihrer Vielfalt und Farbigkeit einen Höhepunkt des Hauses.

Von den Malereien in den übrigen Zimmern wurden Schablonen abgenommen. Lediglich im Gang im ersten Obergeschoß wurde an einer Stelle ein Muster angelegt.

Belassen wurde auch die alte Aufputz-Installation. Sie wurde allerdings technisch auf den neuesten Stand gebracht. Das Sanitäre wurde als Vorwand-Installation ausgeführt, als Heizsystem wurde eine Sockelleisten- und Fußbodenheizung gewählt, deren Energie von Öl und Sonne kommt. Dadurch wurden nur geringe Eingriffe in die Bausubstanz notwendig. Aus diesem Grund ordneten wir auch die Sanitärräume und den Heizraum neben- und übereinander an.

Der Gewölbekeller, früher überwiegend zur Lagerung von Kartoffeln genutzt, dient nun als Vorratsraum. Der Speicher, auf dem das Getreide lag, blieb unausgebaut. Insgesamt sind der Charakter und die typischen Eigenheiten des Hauses vollkommen erhalten. Der Besucher fühlt sich - auch durch die sparsame Möblierung - um ein Jahrhundert zurückversetzt.

AUTOREN: PETER LEUSCHNER UND ANDREAS BÖHM
FOTOS: MARKUS HAUGG
Aus "Das Jurahaus" , Ausgabe 5, 1999/2000, S. 98
(mit freundlicher Erlaubnis des Jurahausvereins e.V.)